Wo sind die Brotmenschen hin? Von einem, der abends noch eine Scheibe Brot isst.
- Rene Oliver

- 22. Jan. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Neulich saß ich mal wieder vor meinem Abendessen – einer Scheibe Gersterbrot, schön dick Butter drauf, vielleicht noch ein bisschen Leberwurst oder Gouda, je nachdem, wie der Tag so gelaufen ist – und dachte mir: Bin ich eigentlich der letzte Dinosaurier hier?
Gibt’s wirklich niemanden mehr, der abends einfach ein Brot isst? Und ich rede hier nicht von irgendeinem hippen Superfood-Kram. Kein Chiasamen-Dinkel-Teigblock, der aussieht wie ein Ziegelstein und den du nur mit einem halben Liter Kombucha runterbekommst. Nee, ich rede von richtigem Brot. So einem, das noch weiß, was es ist. Rustikal, bodenständig, kein Instagram-Trend.
Aber wenn ich so ins Netz schaue – und mal ehrlich, wer tuts’s nicht, auch wenn wir es besser wissen sollten – da sehe ich was ganz anderes. Da gibt’s keine stinknormalen Brotbretter mehr. Da gibt’s Smoothie-Bowls, die aussehen wie ein Sonnenuntergang aus Urlaubsvideos, vollgepackt mit Avocado und Granola, und jeder Menge anderen Chichi. Oder Stullen, die keine Stullen mehr sind, sondern kleine Meisterwerke: Avocado in Blütenform, pochierte Eier, die aussehen, als hätten sie ’nen eigenen Stylisten. Klar, das schmeckt sicher super, aber mal ganz ehrlich: Wer hat dafür Zeit? Wer hat Bock, sich nach der Arbeit in die Küche zu stellen und darüber nachzudenken, ob der Basilikumzweig auf der Avocado jetzt richtig positioniert ist?
Ich jedenfalls nicht. Für mich ist Brot abends ein heiliger Moment. Es ist einfach, es ist ehrlich, es ist wie ein kleines Kuscheltier für den Magen. Es gibt mir das Gefühl, dass die Welt noch nicht ganz den Bach runtergegangen ist.
Du, wenn ich das jemanden erzähle, gucken die mich an, als hätte ich gerade gesagt, ich saufe Wasser aus der Regentonne. „Echt, du isst abends nur Brot?“, fragen sie dann und schieben noch hinterher, dass sie abends meistens „low carb“ unterwegs sind. Oder „was Warmes brauchen“. Oder „gern mal was Neues probieren“.
Leute, ich hab auch schon was Neues probiert. Couscous-Salate gezaubert, Currys gekocht, Süßkartoffeln in den Ofen geschoben. Und was kam dabei raus? Eine Riesensauerei in der Küche und das heimliche Gefühl, dass ich eigentlich nur eins wollte: eine einfache Scheibe Brot.
Wann wurde es eigentlich peinlich, einfach zu essen? Wann wurde es zum Muss, dass das Essen aussieht wie ein Kunstwerk? Früher hat man sich einfach hingesetzt, Brot geschmiert und losgelegt. Heute ist jedes Essen ein Statement. „Ich bin gesund!“, ruft die grüne Smoothie-Bowl. „Ich bin nachhaltig!“, schreit die vegane Jackfruit-Stulle. Und mein Brot? Mein Brot sagt nichts. Es liegt da, ganz simpel, wie ein alter Kumpel, der weiß, dass er sich nicht beweisen muss.
Aber vielleicht ist genau das das Besondere daran. Vielleicht ist es gar nicht schlimm, wenn ich der Letzte meiner Art bin. Vielleicht ist es sogar was Großartiges. Denn während alle anderen ihre Avocados schneiden und ihre Bowls zurechtfummeln, sitze ich da mit meiner Scheibe Gersterbrot und genieße die Stille. Und ganz ehrlich? Das reicht mir.
Denn am Ende des Tages, Leute, zählt nur eins: Es muss schmecken. Und das tut es!
Dein René Oliver



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